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Muenster USA: Rock the Tanzhalle!

Ziemlich miese Burschen: Texas Rangers massakrierten die deutschen „Forty-Eighters“

Rock the Tanzhalle!

Aus alten Texas-Chroniken: Wie ausgewanderte Westfalen
im Wilden Westen ihr Glück fanden. Oder den Tod...

Etwa 50 Millionen Amerikaner sind deutscher Abstammung, das sind rund 15% der US-Bevölkerung. Mehr als 30 Städte und Gemeinden heißen „Germantown“. In der Mitte des vorvorigen Jahrhunderts entvölkerte die Auswanderungswelle hierzulande ganze Landstriche.

Die Deutschen flohen vor Arbeitslosigkeit in strukturschwachen Regionen und absolutistischer Quasi-Leibeigenschaft durch feudale Fürsten. Auch viele Nationalliberale der Vormärz-Bewegung von 1848 verließen das Land, als Metternich die Revolution eisern zurückrollte.

Und wieder andere hatten einfach nichts Besseres zu tun. So wie der Weber Bernhard Eynck aus Gescher, der via Bremen nach Amerika wollte. Falls es dann dort mit dem ehrlichen Arbeiten nichts würde, wolle er sich „ans Morden und Totschlagen begeben“. Das tat er dann aber schon in Münster, weshalb er 1861 lebenslang in den Knast an die Gartenstraße zog, statt in die USA auszuwandern...

Häuptling Bibo

Mehr Glück hatte Salomon Bibo aus dem westfälischen Brakel. Er folgte mit 16 Jahren seinen älteren Brüdern, die bereits in Santa Fe (New Mexiko) Arbeit bei einer Handelsfirma gefunden hatten. Salomon kaufte Waren der Pueblo-Indianer zum Weiterverkauf. Weil er den Pueblos bei juristischen Auseinandersetzungen um Landrechte half, durfte er die Enkelin des Häuptlings heiraten und wurde so in den Stamm der Pueblo aufgenommen. Nach dem Tod des Großvaters seiner Frau wurde er selbst zum Häuptling gewählt - und blieb es für fünf Jahre.

Slavery? Never!

Die meisten Deutschen siedelten sich zunächst in Texas an, so daß Zentral-Texas bald zum „German-Belt“ wurde. Bei Ausbruch des amerikanischen Bürgerkrieges 1861 schlugen sich die Deutschen mehrheitlich auf die Seite der Nordstaaten-Union, was ihnen im konföderierten Texas nicht gut quittiert wurde: Sie galten als Verräter. Doch die Deutschen, die selbst vor absolutistischen Großgrundbesitzern geflohen waren, wollten sich nicht mit den Sklavenhaltern solidarisieren. Vor allem die Veteranen der „Achtundvierziger“ Vormärz-Republikaner wollten von der Sezession der Südstaaten nichts wissen.

Tod am Rio Grande

Um der Verfolgung durch Südstaaten-Truppen zu entgehen, flohen 68 Deutsch-Texaner, einige von ihnen aus Westfalen stammend, in Richtung mexikanische Grenze, um von dort New Orleans zu erreichen, das auf Unions-Territorium lag. Diese „Forty-Eighters“ bildeten die Union Loyal League, eine Miliz, die sich kleinere Gefechte mit Sezessionisten lieferte. Deshalb wurden sie von den Texas Rangers gejagt, einer beinharten Polizeitruppe, die sich unter anderem  auf die Hatz entlaufener Sklaven spezialisiert hatte.

Am Ufer des Rio Grande kam es zum Showdown: Die Rangers massakrierten die Deutschen, nur einer überlebte. Doch das Blutbad blieb unvergessen: Bis heute steht das „Treue der Union-Monument“ in Comfort/Texas und gehört zu den offiziellen Nationaldenkmälern der USA. Es enthält die Namen von 34 identifizierten Getöteten.

Sons of Hermann

Ein anderes Denkmal hat weniger tragische Hintergründe: Mit der zweiten und dritten Einwanderungsgeneration kam es zu Schikanen gegen neue Zuzügler durch bereits „alteingesessene“ Pioniere. Dagegen gründeten deutsche Siedler eine Solidarbewegung namens Order of the Sons of Hermann. Als sichtbares Monument errichteten sie in Minnesota eine 31 Meter hohe Kopie des Hermannsdenkmals bei Detmold. 1973 wurde der etwas verloren wirkende „Hermann on the Prairie“ in das amerikanische National Register of Historic Places aufgenommen...

Muenster, Texas

Es gibt aber nicht nur einen Cherusker in den USA, sondern auch - Muenster. Die Kleinstadt in Nord-Texas an der Grenze zu Oklahoma hat etwas mehr als 1.500 Einwohner.

Muenster wurde 1889 von Carl und Emil Flusche gegründet. Eigentlich sollte der Flecken „Westphalia“ heißen, doch andere Westfalen waren damit schneller gewesen. Also tauften sie ihr Kaff nach Westfalens Hauptstadt Münster. 25 Männer, sieben Frauen und sechs Kinder waren die ersten Einwohner und natürlich wurde als erstes eine Kirche gebaut. Durch Anzeigenwerbung in deutschsprachigen Zeitungen des mittleren Westens wuchs die Population schnell.

Wurst & Apple Strudle

Bis zum Zweiten Weltkrieg wurde in Muenster nur deutsch gesprochen. In Muenster ist man katholisch, isst German Wurst und liebt den Weihnachtsmarket. Ein muensteraner Geschäftsmann vertritt die Region im texanischen Parlament. So ähnlich wie hier...

Das beliebte Stadtfest in Muenster ist das - Germanfest! Zu dieser dreitägigen Party kommen tausende Besucher, um die „German Tanzhalle“ zu rocken, während die Kids „Kinder Karneval“ feiern. Die Werbung verspricht „Mouthwatering German Sausage“ sowie „Scrumptious Apple Strudle“ und ruft auf: „Be sure to bring a Guten Appetit!“. Zum Sound der Band Alpenfest Of Houston wird zur „German Competition“ in der Disziplin „Nagelschlagen“ aufgefordert.

Und wer in einem „Ethnic German Costume“ erscheint, hat freien Eintritt - doch bei der Auslegung, was authentisch deutsch ist, sind die Texaner ziemlich tolerant. Das gilt auch für die Deko: Beim letzten Germanfest zierten die Buden Girlanden mit belgischen Fähnchen. Immerhin: Die Farbkombination stimmt schon mal, die richtige Reihenfolge ist vielleicht etwas zuviel erwartet.

Besser Bullenreiten!

Höhepunkt der Muenster-Mania ist jedoch das Century Bicycle Race über 63 Meilen (100 Kilometer): „Be prepared for some Challenge!“, droht die Rennleitung. Die Doctors und Nurses des Muenster Memorial Hospitals stehen bereit, um gestürzte Starter zu verarzten. Fahrräder gelten hier als mindestens so gefährlich, wie wilde Mustangs. Die Teilnehmer verpflichten sich, die Verkehrsregeln einzuhalten, Helme werden vorausgesetzt.

Der ganze Neuschwanstein-Hofbräuhaus-Kitsch sei den Amis verziehen, aber wenn die wüssten, wie der authentische Fahrradverkehr in Münster (Germany) wirklich aussieht, würden sie wohl gemütliches Bullenreiten vorziehen...

Carsten Krystofiak

(aus Ultimo Münster 26/2014)